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Eine Million Sterne - Freiburg„Und man sieht nur die im Lichte; die im Dunkeln sieht man nicht“, heißt es in Bertolt Brechts sozialkritischer Dreigroschenoper. Man muss allerdings nur die, die im Dunkel stehen, ins Licht rücken, um sie auch zu sehen. Das hat sich Caritas international mit der Lichteraktion „Eine Million Sterne“ vorgenommen, die am 13. November zum vierten Mal zigtausende Kerzen in 60 deutschen Städten zum Leuchten bringt. „Damit es in unseren Herzen niemals dunkel werde“, wie es im Slogan der Veranstaltung heißt. Und damit jede entzündete Kerze ihr Licht auf die fallen lässt, die sonst im Schatten stehen: die Armen, Ausgestoßenen, Unterdrückten der Gesellschaft.

Vergessene Armut in Europas Osten

Jedes Jahr wird dabei ein besonderes Schwerpunktland und -projekt in den Fokus gerückt. Diesmal ist es Armenien – ein Land, das in Europa und der ganzen Welt tatsächlich ein Schattendasein führt. Es wird in den Medien so gut wie nie berichtet, welch extreme Armut dort herrscht. Noch heute hausen viele Menschen seit dem schweren Erdbeben von 1988 in provisorischen Notunterkünften. Die sind schlecht zu beheizen, wenn es im Winter minus 30 Grad Celsius kalt ist. Rund die Hälfte der Bevölkerung lebt von 1,50 Euro pro Tag. Das reicht gerade für zwei kleine Brote.

Armut grenzt überall aus

Im Vorfeld der Aktion „Eine Million Sterne“ sind zwei Vertreter der Caritas Armenien in Deutschland und machen bei Kolleginnen und Kollegen des Deutschen Caritasverbandes auf die Probleme und Nöte in ihrem Land aufmerksam. Bei einer Fachdiskussion warf dabei ein Teilnehmer etwas ketzerisch die Frage auf, ob man nicht zuerst Menschen in den ärmsten Regionen Afrikas vor dem Verhungern retten müsse, bevor man jemanden unterstütze, der immerhin einen Laib Brot pro Tag zur Verfügung habe. Anahit Mkhoyan, die Leiterin der Caritas Armenien, gab ihm eine sehr kluge Antwort. „Armut, in welcher Form auch immer, führt stets zu Desintegration, die für den Betroffenen einen hohen Leidensgrad schafft. Ein Kind in Deutschland, das ausgeschlossen ist, weil seine Eltern nicht die Teilnahme am Schulausflug oder an sportlichen Aktivitäten finanzieren können, leidet im gleichen Maß an seiner Situation wie ein Jugendlicher in Armenien, der keine Arbeit finden kann oder ein Kind, das in Afrika vielleicht nicht einmal das tägliche Brot hat. Alle drei sind ausgegrenzt, alle drei sind stigmatisiert, alle drei haben Depressionen.“

Armut ist ein relativer Begriff, abhängig vom jeweiligen sozioökonomischen Umfeld. Jeder, dem nicht das zugestanden wird, was der Durchschnitt in seiner Gesellschaft erhält, leidet unter Desintegration. Der christliche Blick lässt es nicht zu, dass eine Form der Armut gegen eine andere aufgerechnet wird. Überall da, wo ein Mensch leidet, sind unser Mitgefühl, unsere Solidarität und tatkräftige Hilfe gefragt. Dem hat sich die Caritas verschrieben. Gemeinsam mit den anderen Caritasverbänden Europas fordern wir zeropoverty – null Armut und meinen damit: Abschaffung jeglicher Armut, in all ihren Erscheinungsformen und unter allen gesellschaftlichen Bedingungen, in denen sie entsteht.

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1 Kommentar zu “Armut ins Licht rücken, anschauen und bekämpfen”

  1. Klaus Kerle sagt:

    Die so genannten Reichen in unserer Gesellschaft machen sich Gedanken, wie die Armut bekämpft werden kann. Es wird über Verantwortung der Politiker diskutiert, über Möglichkeiten von Spenden und das persönliche Engagieren in Hilfsorganisationen. All diese Dinge sind zwar möglich, aber keiner gibt im persönlichen Umgang mit Anderen etwas von seiner eigenen Stärke ab. In unserer Gesellschaft ist das Nachtreten der am Boden liegenden Menschen üblich. Selbst Hilfsangebote und Engagement sind für uns selbst gemacht und nicht für den Anderen. Wir wollen uns gut und stark fühlen. Da gibt es den Ausspruch: Man müsste das arme Afrika erfinden, wenn es dies nicht gäbe, weil es den reichen Ländern das Gefühl von Stärke durch ihr Engagement gibt.
    Wir leben alle auf diesem Planeten mit unseren fremdbestimmten und eigenen Zwängen.
    Um zu Überleben müssen wir stark sein. Dazu gehört in erster Linie die Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Dies sollten wir schon als Kinder lernen. Es ist wichtig für uns, zu wissen, dass wir über unser Leben selbst bestimmen müssen. Viele negative Erfahrungen aus der Vergangenheit machen Angst, diese Eigenverantwortung zu übernehmen. Viele sind und waren im Vergleich zu Anderen immer im Nachteil und wurden von Ihnen schlecht behandelt. Wieso soll sich das in Zukunft ändern. Jetzt sind sie in der Hackordnung ganz unten und abhängig von der Hilfe der Starken. Der Wille zur Selbstverantwortung wurde durch permanente Einschüchterung und Demonstration der Stärke gebrochen. Der Benachteiligte glaubt nicht mehr daran, sein Leben selbst zu bewältigen. Die ganzen sozialen Aktionen und Einrichtungen sind deshalb zweischneidig. Wichtiger als fremdbestimmte Hilfen ist deshalb alles, was das Selbstvertrauen fördert. Die Gesellschaft will eine Dankbarkeitshaltung der Harz 4 – Empfänger. Sie sollen in Demutshaltung den Kopf senken. Es steckt eine ungeheure Arroganz in den Aussagen der Wohlhabenden, die durch Geburt und Erziehung immer im Vorteil waren. Sie behaupten: Ich tue etwas für unseren Wohlstand. Ich habe es selbst erarbeitet. Ich habe Anspruch auf Ansehen. Die Armen sind selbst schuld. Die sollen dankbar sein, wenn ich ihnen etwas abgebe.
    Beim Schreiben dieses Textes, sah ich mich in der Rolle des Starken und Schwachen.
    Und ich denke, dass dies alle so sehen sollten. Wir kommen schneller in die Rolle des Schwachen, als wir denken. Eigenverantwortung mit einem gesunden Selbstvertrauen sollte das Ziel sein, sowie Verständnis und Fairness ohne Andere zu bevormunden.