« Sozial schwach und unbarmherzig Ohne Girokonto außen vor »

Die Bundesregierung hat den radikalen Abbau öffentlich geförderter Beschäftigung beschlossen. Im kommenden Jahr werden die gesetzlich geregelten Leistungen zur Eingliederung in Arbeit um 1,54 Milliarden Euro gekürzt. Bis 2014 wird der Posten von 6,6 Milliarden auf die Hälfte reduziert. Was als Sparmaßnahme daherkommt, wird noch viele Kosten verursachen. Doch wer zahlt die Zeche?

Ein-Euro-Jobs sind das am häufigsten eingesetzte Mittel, um langzeitarbeitslose Hartz-IV-Bezieher wieder an den Arbeitsmarkt heranzuführen. Heinrich Alt, Vorstandsmitglied der Bundesagentur für Arbeit (BA), schätzt nun, dass etwa ein Drittel der Ein-Euro-Jobs wegen des fehlenden Geldes 2011 wegfallen werden.

Durch die Sparmaßnahmen sind auch viele Beschäftigungsträger in ihrem Bestand gefährdet. Der Abbau der bestehenden Strukturen ist sich aus meiner Sicht ein großer Fehler für den unsere Gesellschaft noch über Jahre hinaus bezahlen wird. Beschäftigungsmaßnahmen leisten heute einen wichtigen Beitrag, um die Arbeitsfähigkeit von langzeitarbeitslosen Menschen zu erhalten und diese zu verbessern. Durch die betriebliche Qualifizierung und psycho-soziale Betreuung der Beschäftigungsbetriebe können viele auf dem Arbeits- und Ausbildungsmarkt wieder Fuß fassen. In der Weißer Rabe GmbH wurden zum Beispiel allein in diesem Jahr schon 71 langzeitarbeitslose Menschen wieder in Arbeit und Ausbildung integriert. 

Eine im Handelsblatt vom 30.11.2010 veröffentlichte Studie bestätigt: eine aktive Arbeitsmarktpolitik verringert das Risiko psychischer und körperlicher Erkrankungen. Öffentlich geförderte Beschäftigung leistet somit einen wichtigen Beitrag, um Folgekosten im Gesundheitssystem einzudämmen. Nur zum Vergleich: Ein Krankenhausplatz in der Psychiatrie kostet in München monatlich etwa 7.000 Euro, ein Ein-Euro-Job rund 400.

 Unsere reiche Gesellschaft darf es sich nicht erlauben, Menschen durch lebenslange Alimentierung ohne Förderanreize an den Rand zu drängen. Dadurch werden Werte wie Solidarität und Subsidiarität in Frage gestellt. Verlierer des radikalen Abbaus öffentlich geförderter Beschäftigung sind in erster Linie die Menschen, die aufgrund psychischer, körperlicher, seelischer Erkrankung und/oder sozialer Benachteiligung ohnehin schlechte Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben. Doch am Ende zahlt jeder einzelne von uns drauf, monetär wie auch menschlich.

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1 Kommentar zu “Finanzielle und menschliche Bankrotterklärung”

  1. maxen sagt:

    Moin Johanna und Lesende.

    Zitat (Sachverständigenrat Gesundheit 2007):”Arbeitslose sind in der Regel häufiger und schwerer krank als Erwerbstätige bzw. die Gesamtbevölkerung. Außerdem weisen sie eine höhere Sterblichkeitsrate auf als die Vergleichsgruppen.”[0]

    Ich selbst war im EineuroJob, habe ihn bestreikt und gecancelt, weil ich die Umverteilung von Geld aus unseren öffentlichen Kassen an private Maßnahmenträger und Unsonst-Arbeit für private Einsatzstellen als übelste Umverteilung empfinde, die gesetzlich zu Recht gemacht wurde, aber mit meinem Gewissen unvereinbar ist.

    Du, Johanna, schreibst “Unsere reiche Gesellschaft ..”
    Nichts hat mich reicher gemacht, als arm zu werden.
    Was können wir uns überhaupt noch leisten?
    Können wir uns überhaupt noch etwas leisten?
    Nach Kassenlage .. wie würdest Du entscheiden?

    Wir haben ein viel größeres Problem, als dass ich früh sterbe, weil ich wegen des Krankenkassen-Zusatzbeitrags, der HartzIV’lerinnen wie mir vom Existenz-Minimum abgezwungen wird, an zwei Tagen im Monat oder 24 Tage im Jahr nichts zu essen und diesen Winter keine Winterschuhe habe und nicht zum Arzt kann, weil ich die Praxisgebühr nicht zahlen kann. Das alles ist Pillepalle gegen das, was ‘Sie’ uns derzeit einbrocken. Je länger der große Bruch herausgezögert wird, desto härter werden nachher Hunger, Leid und Elend.

    Als gelernter Mathematiker musste ich bereits vor 10 Jahren feststellen, dass das Geldwert-System sehr krank ist. Dann kam der 11.Sept. 2001 und der Kriege gegen Terror hat vorübergehend ausreichend Geld vernichtet. Heute haben wir die Katastrophe direkt vor Augen .. und (fast) alle machen weiter wie bisher. Mir fehlt beinahe jede Erklärung (offensichtlich kognitive Dissonanz).

    Du schreibst “Unsere reiche Gesellschaft ..”
    Im Jahre 1975 wurde in der BRD bekannt und benannt, dass es hunderttausende akut verhungernd Sterbende gibt. 35 Jahre und Milliarden Menschenleben später leben wir im dunkelsten Kapitel der Menschheitsgeschichte, der keinen historischen Vergleich zu scheuen braucht. Und (fast) alle machen weiter wie bisher.

    Alles Gute ist Liebe
    Christian

    [0]
    http://www.hartz4-im-netz.de/PagEd-index-page_id-252.html

    Langfassung(pdf) http://dipbt.bundestag.de/dip21/btd/16/063/1606339.pdf

    Kurzfassung(pdf) http://www.svr-gesundheit.de/Gutachten/Gutacht07/Kurzfassung%202007.pdf