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Vor mehr als 40 Jahren gab es eine Zeit innerkirchlicher Reformen. Das 2. Vatikanische Konzil, die Würzburger Synode und die Theologie der Befreiung mit ihrer Option für die Armen setzten neue Akzente. Das ist lange her, wenngleich der gesellschaftliche Bedarf für eine Kirche mit dem Gesicht zur Welt nicht kleiner geworden ist. Die wachsende Armut, die Situation von Flüchtlingen, die nicht vorhandenen Chancen von Kindern aus bildungsfernen Schichten, die Sozialstaatsdebatten á la Westerwelle  – um nur einige Themen zu nennen. Meine Sorge: Die Fixierung der Kirche auf Selbsterhalt und Selbstbeschäftigung ist größer geworden. Wir brauchen dringend eine Neujustierung unserer kirchlichen Blickwinkel.

Für eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit

Weg von diesem Übermaß an Freizeit- und Erbauungskirche, von der permanenten Thematisierung struktureller und finanzieller Selbsterhaltung, von dem Defizit an diakonischer Sensibilität und caritativer Leidenschaft. Wir brauchen wohl auch heute eine  „Rückkehr in die Diakonie“, wie sie der Jesuit Alfred Delp in der Zeit des Zweiten Weltkrieges gefordert hat. Oder eine Rückbesinnung auf den Konsultationsprozess der katholischen und evangelischen Kirche zur wirtschaftlichen und sozialen Lage. Das 1997 gemeinsam veröffentliche Abschlussdokument hatte den Titel „Für eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit“. Es war eine Zeit, in der es eine „Spiritualität der offenen Augen“ gab und viel Kraft, Kirche zu sein „mit dem Gesicht zur Welt“, wie Johann Baptist Metz das häufiger genannt hat.

Kirche muss Menschen stärken – nicht den Selbsterhalt

Wer sich heute daran ausrichten will, muss aktuelle Entwicklungen in der Kirche kritisch hinterfragen:

  • Bei aller menschlich nachvollziehbaren Betroffenheit, die Kirchenschließungen bei einigen auslösen, erinnert mich ihr Verhalten oft an einen sehnsuchtsvollen Blick auf die guten alten Clubhauszeiten. Gemeinden sind keine Denkmalpflegevereine. Eine mobile Kirche braucht deutlich weniger Immobilien.
  • Bei aller Notwendigkeit, sich mit den künftigen Strukturen der Kirche und ihrer Seelsorge zu beschäftigen, darf das nicht den Weg der Kirche zu den Menschen verhindern.
  • Bei allen verständlichen und notwendigen Spardebatten – zum Beispiel in meinem Bistum Hildesheim – könnten diese doch auch eine Chance sein, sich neu auf unsere Herausforderungen in der Welt von heute zu konzentrieren.

Als Mann der Caritas will ich mich nicht damit abfinden, von der Option für die Armen in der Erzählfigur des „Es war einmal…“ zu reden. Hatte nicht schon der Kerntext der Würzburger Synode „Unsere Hoffnung“ gefordert, dass radikale Krisen radikale Vergewisserungen benötigen?

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2 Kommentare zu “Kirche muss sich neu justieren”

  1. Albert Siepe sagt:

    Danke, Hans-Jürgen, Du sprichst mir aus der Seele!

  2. Stefan Lutz-Bachmann sagt:

    Ein hervorragender Artikel, mir ganz aus dem Herzen geschrieben. Und ganz im Sinne des Lukas-Evangeliums, wo es heißt:
    52 Er stürzt die Mächtigen vom Thron / und erhöht die Niedrigen. 53 Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben / und lässt die Reichen leer ausgehen. (Lk, Kap. 1)
    Zu ergänzen bliebe noch, dass vor 40 Jahren auf ebendiesem 2. Vatikanum die Vision des Alfred Delp mit Hilfe der Caritas (Hannes Kramer!!!) umgesetzt wurde, durch die Wiederbelebung des Dienstes der Diakone (mit oder ohne Zivilberuf). Von der so missverstandenen und daher verteufelten Befreiungstheologie könnten wir so unendlich viel lernen. Aber das setzt Mut voraus und hat Umdenk-Prozesse und ein neues Handeln zur Folge. Und das stört.
    Wir reden viel zu viel über Strukturen und Geld; was uns jedoch immer mehr abhanden kommt, íst eine diakonische Spiritualität. Wissen die Leute in den Pfarrgemeinden, dass die Caritas ein Teil der Kirche ist? Weiß man bei der Caritas auf allen Ebenen dasselbe? Nämlich mehr zu sein als “nur” eine Sozialorganisation?
    Stefan Lutz-Bachmann
    Ständiger Diakon mit Zivilberuf