1.002 Patienten haben wir im vergangenen Jahr in der der medizinischen Straßenambulanz der Caritas in Frankfurt behandelt. 57 Prozent waren ohne Krankenversicherungsschutz. Bei den übrigen verhinderten Praxisgebühr, Zuzahlung und andere Hürden des Gesundheitssystems, dass sie Hilfe nicht rechtzeitig oder regelmäßig in Anspruch genommen haben. Da werden bei mir Fragen angestoßen: Was muss sich ändern, damit auch diese Armen am Rand der Gesellschaft wieder Zugang zum medizinischen Regelsystem finden?
Ich denke da an Franziska, die auf Vermittlung der Bahnhofsmission nach fast sechs Monaten wieder bei uns auftaucht. Ihr geht es nicht gut: Das Gesicht ist aufgedunsen, die Haare sind zerzaust, Kleidung und Körper verdreckt. Franziska redet nicht viel, dafür kratzt sie sich unentwegt – ein sicheres Indiz dafür, dass sie dringend „ein Bad benötigt“, wie sie selbst leise sagt. In der Tat: ihre Kleidung, ihr Körper und die Haare sind voller Läuse! Franziska schämt sich und doch kann die Frau Ende 40 die angebotenen Hilfen und Hygienemaßnahmen der Krankenschwestern annehmen. Danach darf ich sie als Ärztin untersuchen.
Zum Absturz kommt ein Tumor dazu
Als wir uns zuletzt begegneten, wohnte Franziska noch in „ihrer Wohnung“. „Die ist jetzt weg“, sagt sie leise. „Ich kam eines Tag zurück und da war die Tür verriegelt.“ Seither schläft sie „mal hier und mal dort bei Freunden oder auf der Straße“. Papiere und Ausweis hat sie nicht mehr. Die Alkoholsucht hinderte sie, zur Sozialarbeiterin zu gehen. Viel schwerer aber wiegt, dass sie den auffälligen Tumorbefund an ihrer rechten Brust nicht weiter abklären ließ. Entsprechend erschreckend nun das, was ich bei der Untersuchung sehe: der Tumor ist offensichtlich weiter gewachsen. Jetzt gilt es, neben notwenigen Hygienemaßnahmen, ihr eine geeignete Unterkunft zu vermitteln, Leistungsansprüche rasch zu klären und damit auch ihren Krankenversicherungsschutz. Nur so kann Franziska mit ihrer vielleicht bösartigen Erkrankung sinnvoll geholfen werden.
Aus allen Systemen herausgefallen
Es ist ein langer, beschwerlicher Weg, den ich mit vielen Patientinnen und Patienten gehen muss, die zunächst „nur ein Bad“ wollen: Ein ähnliches Schicksal könnte die 45-jährige Gerlinde treffen. Noch wohnt sie in der eigenen Wohnung. Aufgrund ihrer Schizophrenie geht sie weder regelmäßig zum Arzt, noch achtet sie als Diabetikerin auf ihre Gesundheit. Eine gesetzliche Betreuung lehnt sie ab. Oder Maria, die viel zu dünn bekleidet auch im tiefsten Winter durch die Stadt irrt. Auch sie lässt sich nur ab und zu blicken, um „die Füße zu waschen“. Maria lebt von Abfällen und ist längst aus allen Systemen herausgefallen. Auch sie leidet an einer psychiatrischen Erkrankung und kann die gebotenen Hilfen nicht annehmen.
Krankheit und Scheitern will niemand sehen
Menschen wie Franziska, Gerlinde und Maria sind „anstößig“, weil sie die Würde als Mensch und Geschöpf Gottes nie verlieren können, wohl aber den Platz inmitten einer Gesellschaft, die Krankheit und Scheitern ausblenden möchte. Ich frage mich: Wie lässt sich verhindern, dass diese kranken Menschen in ihren prekären Lebenslagen in lebensbedrohliche Zustände geraten und/oder dauerhafte körperliche und seelische Schäden erleiden?
Ältere Einträge von Dr. Maria Goetzens im Blog Soziale Manieren








