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Ein ganz normaler Sitzungstag in Brüssel. Es geht um das Europäische Jahr zur Bekämpfung von Armut. Um Strategien, Öffentlichkeitsarbeit und die große Internet-Kampagne. Auf dem Weg zum Abendessen spricht mich in perfektem Englisch ein Mann an. Er um die vierzig, danaben seine Frau und die beiden Söhne, so um die 13 bis 16 Jahre. Er stellt sich als Moldawier vor, der erst seit kurzem in Brüssel lebt und Arbeit sucht. Er sagt: „Ich habe nicht mal die zwei Euro, um meiner Familien ein Sandwich kaufen zu können.“ Es ist hektisch, der brausende Verkehr, der Beginn des Dinners rückt näher – irgendwie bin ich nicht konzentriert. Fast mechanisch öffne ich den Geldbeutel …

Ich gebe ihm meine restlichen Scheine und laufe weiter. Seine Jungs kommen mir nach, bedanken sich überschwänglich, machen Verbeugungen. Ich wünsche ihnen alles Gute, drücke noch mal ihre Hände, will jetzt nur noch weg. An der nächsten Ampel muss ich warten und sehe wie glücklich sie weiterziehen.

Die konkrete Armut überfordert mich

Plötzlich wird mir klar: Da ist ein Vater, der vor seiner Frau und seinen Kindern betteln muss, um zu überleben. Tränen steigen mir in die Augen. Ich kann sie nicht unterdrücken. Wie würde ich mich an seiner Stelle fühlen? Fragen schießen mir durch den Kopf: Was hätte ich machen können? Die Familie einfach zum Abendessen mitnehmen? Was hätten wohl meine Kollegen dazu gesagt? Die Familie mitnehmen, um ihnen vom Brüsseler Kollegen die Adresse einer Caritas-Beratungsstelle zu besorgen?

Tatenlosigkeit und Skepsis lässt Menschen hungern

Die Tränen in meinen Augen sind noch sichtbar, als mich die Kollegen im Restaurant empfangen. Was ist los? Ich erzähle die Geschichte und es kommt, wie es kommen muss: „Das ist doch nur ein übler Trick: zum Betteln gleich die ganze Familie mitnehmen. Das ist sicher die neueste Masche. Die hätten sich daheim überlegen müssen, dass sie im Ausland keine Arbeit finden. Dein Geld hilft denen auch nur über einen Tag, nachhaltig ist das schon gar nicht.“ Sie reden auf mich ein, wollen das Faktum wegdiskutieren, dass hier Menschen hungern. Ich lasse mich ein wenig besänftigen, aber die Traurigkeit in meinem Herzen bleibt.

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3 Kommentare zu “Neuer Bettlertrick oder echte Armut?”

  1. Sabine Märkle sagt:

    Guten Morgen, sehr geehrter Dr. Thomas Becker, ich bin stolz auf Ihr Tun, denn Sie haben bewiesen, dass es tatsächlich noch Menschen gibt, die instinktiv in der Lage sind das richtige, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu tun.
    Ich bin achtfache Mutter und ich weiß was es bedeutet, mit relativ wenig Geldmitteln jeden Monat um die Runden zu kommen. Meine Mitmenschen denken sich, selber schuld, das hätte sie vorher wissen müssen, bevor sie acht Kinder in diese kinderfeindliche Welt setzt.
    Grüßen Sie mir recht herzlich unseren ehemaligen Ministerpräsidenten Günther Oettinger und sagen Sie ihm, das mit der Idee vom Kinderland Baden-Württemberg lässt sich in Zeiten, wo Kinder nur als Ballast empfunden werden, niemals umsetzen. Ich würde sagen, für nachhaltige Familienpolitik ist der Zug längst rausgefahren.
    Alles Liebe sendet Sabine Märkle

  2. Susanne Stöger sagt:

    Ob organisierte Bettelei oder nicht – NIEMAND bettelt gerne. ALLE auf der Straße sind seelisch oder körperlich Geschlagene – davon bin ich überzeugt.

    Ich habe lange darüber nachgedacht – für mich ist auch eine Caritas-Adresse als Kompetenzzentrum und Geld, dass ich gerne teile – eine Lösung vor Ort.

    Eine langfristige Lösung ist meine ehrenamtliche Tätigkeit nach meinen Fähigkeiten. Sie lässt mich zu meiner Mitte kommen, macht dankbar und zufrieden.

    Sie rufen durch Ihre Betroffenheit direkt zur Auseinandersetzung mit Armut auf (Artikel u. herausvordernder Titel). Ihre “Kollegen” können Sie nicht wirklich überzeugen, denn Ihr Herz und Ihre aufmerksame Beobachtung sagt Ihnen: so einfach ist das nicht mit dem Leid anderer Menschen

    Jeder von uns will in einer lebenswerten Gesellschaft leben, nicht wahr? Hat eine lebenswerte Gesellschaft Hungernde, Drogenabhängige (sind für mich seelisch Hungernde) u. andere hilflos Leidende?

    DANKE.
    LG
    Susanne

  3. Jotprakash sagt:

    gut das es Menschen wie Sie gibt, die ein offenes Herz+
    eine gebende Hand haben, e g a l was Zeitgeist+Kollegen …
    Ihnen sagen wollen.
    L. G. Jot