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Warum sind Tafeln bundesweit so erfolgreich? Weil alle Beteiligten „Gewinn“ daraus ziehen. Supermärkte und Discounter können ihr nicht verkauften Waren abschreiben, mit ihrer sozialen Verantwortung werben und gleichzeitig die Entsorgungskosten minimieren. Den Initiatorinnen und Helfern von Lebensmittelausgaben und Suppenküchen ist ebenfalls Anerkennung sicher: Tafeln haben ein hohes gesellschaftliches Ansehen. Anerkennung kommt freilich vor allem von denen, die den Rückbau des Sozialstaats und die Zunahme von Armut politisch zu verantworten haben. Sie singen das Hohelied auf das Ehrenamt.

Politiker haben die Helfer der Tafel gern

Brot und SuppeEs überrascht deshalb nicht, dass die frühere Bundesfamilien-, jetzt Arbeitsministerin Ursula von der Leyen die Schirmherrschaft beim Bundesverband der Tafeln übernommen hat. Man muss sie liebhaben, die Tafeln und ihre Helfer. Schließlich: Für Politikerinnen und Politiker stellt ehrenamtliches Engagement „eine zentrale Grundlage für das Gemeinwesen“ dar und ist „eine wichtige Bedingung für ein tolerantes und friedliches Zusammenleben.“ Bürgerschaftliches Engagement wird mit Anerkennungsurkunden oder Ehrenamtskarten honoriert.

Falsches Mitleid und fachliche Borniertheit verhindern

Auf die Frage, welche Motive die freiwilligen Helferinnen und Helfer zum Engagement bewegen, antworteten viele, dass ihnen die Tätigkeit „persönliche Zufriedenheit“ verschaffe. Denn sie könnten „etwas Sinnvolles“ tun, weil sie sähen, „dass die Hilfe dort ankommt, wo sie hingehört“. An dieser Stelle gibt es Anknüpfungspunkte für die Zusammenarbeit zwischen den professionell und den ehrenamtlich Mitarbeitenden: Die Verbindung professioneller Arbeit mit freiwilligem Engagement kann falsches Mitleid einerseits und Borniertheit der Fachbranche andererseits verhindern. Am Ende solcher Kooperationen sollten als Ergebnis realistische Sichtweisen und Konzepte stehen.

Tafeln als soziales Feigenblatt für Sponsoren

Dazu gehört die gemeinsame kritische Reflexion der Tafelarbeit. Was hat es eigentlich damit auf sich, dass die Tafeln auch von zahlreichen kapitalkräftigen Sponsoren unterstützt werden? Welche Motivation haben Mercedes-Benz, der Reifenhersteller Continental, die Norddeutsche Landesbank oder Gruner & Jahr, um nur einige zu nennen? Warum kümmert sich der große Unternehmensberater McKinsey – führend bei Rationalisierung und Personalabbau – in Form sozialen Sponsorings um die Opfer der Arbeitsplatzvernichtung?

Ursachen von Armut in den Blick nehmen

Aber auch das ist ein Thema: Die Konkurrenz innerhalb der Armutsbevölkerung, der Kampf um das knappe Gut der Lebensmittel wird härter. Auch in der Schlange vor der Ausgabe gibt es die vielzitierte Neiddebatte: Wer bekommt mehr? Steht ihm das eigentlich zu? Deutscher oder Ausländer? Guter oder schlechter Arbeitsloser? Um diese kritischen Fragen dürfen die haupt- und ehrenamtlich Mitarbeitenden keinen Bogen schlagen. Supervision kann helfen, und Aufklärung im klassischen Sinne ist erforderlich: Über Ursachen von Armut und struktureller Arbeitslosigkeit und über die Lebenswirklichkeit von Menschen am Rande der Gesellschaft muss informiert werden. 

Sprachlosigkeit von Menschen in Armut aufbrechen

Das gemeinsame Ziel ist allerdings klar: Neben der konkreten Hilfe im Lebensalltag der Bedürftigen muss es darum gehen, einen Beitrag zu leisten, den fortschreitenden Individualisierungsprozessen und der Entsolidarisierung in der Gesellschaft entgegenzuwirken. Es gilt, die von Armut betroffenen Menschen aus ihrer Sprachlosigkeit zu befreien, sie zu solidarischem Handeln in ihrem Interesse zu motivieren. Tafeln und Suppenküchen dürfen nur eine Zwischenlösung sein, letztlich müssen sie Geschichte werden.

Die Autoren:

Jürgen Malyssek
Diplom- Sozialpädagoge, vor dem Ruhestand Referent für Wohnungslosenhilfe und Schuldnerberatung beim Diözesancaritasverband Limburg. 

Klaus Störch
Diplom-Pädagoge, Leiter einer Wohnungsloseneinrichtung und Initiator der Hattersheimer-Hofheimer Tafel in Trägerschaft des Caritasverbandes Main-Taunus.

neue caritas - Fachzeitschrift„Der Fluch der guten Tat“ lautet der Titel des hier gekürzt wiedergegebenen Beitrags der Autoren aus der Zeitschrift neue caritas, Heft 6/2010. Im Thementeil des Heftes diskutieren sechs Expertinnen und Experten die „Zweifelhafte Erfolgsstory der Tafeln“. Unter anderem kritisiert Stefan Selke die Privatisierung der Existenzsicherung.

Hier können Sie ein Probeheft der Zeitschrift neue caritas bestellen.

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1 Kommentar zu “Tafeln und Suppenküchen müssen Geschichte werden”

  1. Kim J Singh sagt:

    Eine zementierung der Tafel Einrichtung ist mit sicherheit kein Erfolg auf den wir in unsere sehr reiche Land stolz sein dürfen. Erst wenn eine Stadt ein Tafel auf grund fehlende Kundschaft schliesst hat Erfolg. Diese Erfolg verdient anerkennung. So lang aber die Kundschaft für Tafeln gibt, halte ich für ebenso wichtig, dass die Tafel-Idee nicht stehen bleibt. Tafel-Idee muss weiter entwickeln. Die Richtung für neue Tafel Idee soll es sein, dass die Hilfe zu selbt Hilfe in der Mittelpunkt kommt. Tafel für die Armen, von den Armen und mit den Armen wäre eine Idee. Die Tafeln könnten wie ein zentral Küche operieren, und die Tafelkunden diese Einrichtung selbst verantwortlich betreiben. Die Ehrenämtler übernhemen die Rolle der Koordinatoren. Alles was menschen abhängig macht dürfen wir nicht zementiren.