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Dr. Maria Goetzens

Wenn das Gesundheitssystem krank macht

Geschrieben von Dr. Maria Goetzens am 5. Juli 2010
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Immer mehr Menschen tauchen in den Einrichtungen der Wohnungslosen- und Migrantenhilfe auf um sich medizinisch versorgen zu lassen. Dabei leben sie gar nicht auf der Straße. Ihr Problem ist: Sie sind vorübergehend oder dauerhaft nicht krankenversichert. Dabei sollte es solche Menschen seit April 2007 gar nicht mehr geben. Damals wurde die gesetzliche Krankenversicherungspflicht eingeführt. Und doch es gibt sie, die Rausfaller – und ihre Zahl wächst stetig. Sie sind das Ergebnis einer unsolidarischen Politik.

Miete zahlen oder zum Arzt gehen?

Viele scheitern an der „individuellen Kostenbeteiligung“ für die medizinische Behandlung. Sie haben schlicht nicht das Geld dafür. Politiker bezeichnen die Eigenbeteiligung gerne als „Stärkung der Eigenverantwortung“. Ihre Logik ist einfach: Die Kosten müssen alle bezahlen, also auch die, die auf der Straße leben. Und so zeigen jene, die eine Ambulanz für Wohnungslose aufsuchen, woran unser Gesundheitssystem heute ernsthaft krankt. Der Klagekatalog dieser Menschen liest sich wie eine Offenbarung: 

  • Ich habe das Geld für die Fortzahlung der Krankenversicherung eingespart, damit ich meine Miete noch bezahlen konnte.
  • Zu meinem Hausarzt gehe ich schon lange nicht mehr, denn mit den Zuzahlungen bei meinen vielen Herzmedikamenten komme ich nicht zurecht. Außerdem habe ich noch eine Rechnung bei der Krankenkasse offen, als ich notfallmäßig wegen meines Herzinfarktes in die Klinik eingeliefert wurde.
  • Eigentlich brauche ich dringend eine neue Brille, ich sehe kaum noch etwas, aber die Kasse zahlt ja nichts mehr dazu. Und sehen sie hier, meine Zahnprothese ist fast komplett durchgebrochen – ich habe Sorge, da kommen auch wieder hohe Zusatzkosten auf mich zu.
  • Ich habe keinen Versicherungsschutz mehr, war lange Zeit im Ausland und soll jetzt die versäumten Zahlungen nachholen – das kann ich nicht.
  • Bis zu seiner Erkrankung konnte mein Bruder noch alles selbst regeln, jetzt ist er todkrank. Der Versicherungsschutz ist längst abgelaufen. Aus Angst vor den hohen Rechnungen hat er aber gestern das Krankenhaus wieder verlassen, in das er notfallmäßig eingeliefert wurde, wegen „Wasser im Bauch“. Jetzt schläft er bei meiner Mutter auf der Couch. Bitte helfen Sie!

Der aktuelle Weg der Gesundheitspolitik geht vorbei an den wirklichen Notlagen vieler Menschen aus den ärmeren Bevölkerungsschichten. Er ist nicht nur gefährlich, weil er Menschenleben „kosten“ kann. Er schließt auch all jene aus, die dringend die Hilfen der Solidargemeinschaft brauchen, um Heilung zu erfahren. Aber sie erleben Ausschluss von der Gesellschaft aufgrund von Armut und Krankheit.

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