Gestern kamen Hans und Jenny zu Besuch in die Ambulanz. Sie wollten mir ihre fünf Tage alte Tochter Jessica vorstellen. Bis vor einem Monat war der nun stolze Vater noch Patient bei uns und wohnte in einer Sammelunterkunft für Wohnungslose. Inzwischen haben Hans und Jenny ein Zwei-Zimmer-Appartement zugewiesen bekommen und müssen sich langsam „an das Leben zu dritt“ gewöhnen, wie sie sagen. Beim Anblick des Neugeborenen und in Kenntnis der Lebensumstände und Biografien, die beide Elternteile prägen, schießen mir bange Überlegungen und Fragen durch den Kopf.
Als Jessica geboren wurde, waren die Eltern noch wohnungslos. Ihre aktuelle Bleibe ist nur vorübergehend. Beide leben von Hartz IV und haben schon mehr als drei Jahre keinen geregelten Job mehr ausgeübt. Die Nikotinsucht – und bei Hans auch die Alkoholsucht – bleiben Wegbegleiter für die beiden. Nun ist auch Jessica davon „betroffen“. Wen kümmert’s?
Große Pläne mit wenig Aussicht auf Erfolg
Die Zukunftsplanung gestaltet sich für Hans ohne abgeschlossene Berufsausbildung schwierig und doch erklärt er stolz: „Ich werde meine Familie voll ernähren!“ Jenny mit ihren 33 Jahren muss sich erst noch in ihre Rolle als Mutter mit einem unsteten Partner an der Seite hineinfinden. Auch sie hat schon lange nicht mehr in ihrem Beruf als Verkäuferin arbeiten können – „aus gesundheitlichen Gründen“, wie sie sagt.
Ich frage mich: Was wird wohl aus diesem Kind? Wird es in den endlosen Kreislauf von Armut, Arbeitslosigkeit und Krankheit eingebunden werden? Werden ihm genügend Schutz, Fürsorge, Liebe und Chancen geschenkt werden, das eigene Potential zu entfalten und gesund und frei aufzuwachsen?
Die Chancen eines Neuanfangs
Ich denke an das jüngst verabredete Sparpaket der Bundesregierung mit den vorgesehenen Kürzungen beim Elterngeld und bin froh, dass Hans und Jenny endlich die Hilfen der Sozialberatung in Anspruch nehmen. Ich sehe auch das Potential und die Chance, die für beide in diesem Neuanfang liegen: Hans ist nun schon seit fast zwölf Monaten trocken und bereit, sich weiterhin die Hilfen einer Suchtberatungsstelle zu holen. Jenny scheint angesichts ihrer kleinen Tochter plötzlich ungeahnte Kräfte und Energien zu verspüren, die sie aus Lethargie und Antriebslosigkeit herausreißen.
Achten, schützen, fördern
Dennoch bleiben meine Sorgen, als Hans das laut schreiende Kleinkind anbrüllt: „Schnauze!“ Die alten Muster und der raue Ton des Straßenlebens sind eben nicht verschwunden mit der Geburt eines Kindes, das mehr ist als ein Hund, der treu mit umherzieht! Nach dem Besuch der beiden erlebe ich mich hilflos. Dennoch hoffe ich auf eine Gesellschaft, die sich immer wieder neu solidarisch dafür einsetzt, menschliches Leben in jedem Alter – unabhängig von Nationalität, Geschlecht, Bildung, sozialer Schicht – zu achten, zu schützen und zu fördern.









Die Beiträge sind wirklich schlecht recherchiert â strengt euch mal ein bisschen mehr an!